Geboren in Montevideo, Uruguay. Studium des Übersetzens in Montevideo und Heidelberg. Sie arbeitet seit vielen Jahren als freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin in Göttingen. Seit ihrer Jugend schreibt sie leidenschaftlich gerne Lyrik und kurze Erzählungen. Sie reflektiert über und knobelt gerne mit der Sprache. Am liebsten übersetzt sie Belletristik und Lyrik, weil dies sehr viel Kreativität, Sprachgewandtheit und Fingerspitzengefühl abverlangt. Dadurch erkundet sie immer wieder die Grenzen der Übersetzbarkeit und der Sprachschöpfung. Sie dichtet Gedichte von unbekannten und wenig bekannten Dichterinnen und Dichtern aus Lateinamerika nach, um sie einem breiteren Publikum in Deutschland vorzustellen. Vorzugsweise überträgt sie Lyrik von Autorinnen aus ihrer ersten Heimat, wie Juana de Ibarbourou, Idea Vilarinio, Ida Vitale, Amanda Berenguer und Circe Maia.

 

Der Orangenverkäufer

Junger Bursche, Haut zitronenfarben,
mit einem Korb in deinen Armen
voll von prächtigen, leuchtenden Orangen,
in sonnenwarmen Bernsteinfarben.

Junger Bursche, der du auf den Fincas
auf die weiten Bäume bist geklettert,
so wie ich es tat in meiner Kindheit,
als ich wild war und trunken von Freiheit:

Komm mal her! Ich bitte dich sehnlich,
deinen Korb auf meinen Schoß zu leeren.
Ich zahl‘ dir jeden Preis für diese Früchte.
Wie wunderbar sie duften! Herrlich!

Mein Heimatdorf, so still und abgelegen,
ist umgeben von Orangenhainen,
die es im Winter golden säumen,
und im Sommer blütenweiß bekleiden.

Ich wuchs auf mit diesem Duft,
und er fließt wohl bis heut‘ in meinem Blut.
Aus vielen Apfelsinnen klein und grün,
flocht ich Halsketten sehr früh.

Später trieb mich das Leben weit, weit weg.
Heute bin ich etwas traurig und bedächtig.
Oh, wie die Sehnsucht mich befällt, wie mächtig,
wenn der Wind diesen Duft zu mir trägt!

Falls man dich, junger Indio, eines Tages
weit weg von der geliebten Heimat brächte,
du an dem fernen Ort nicht glücklich wärest,
weil du dich nach der alten Heimat sehntest,

und eine leichte Brise eines Abends brächte
den Duft der Gegend, die du trägst im Herzen,
wohl dann erst würdest du bestürzt begreifen,
des tiefen Heimwehs unstillbare Schmerzen!

Deutsche Übersetzung des Gedichts "El vendedor de naranjas" aus dem Gedichtband "Raíz salvaje" (1922) von Juana de Ibarbourou, Uruguay (1892-1979)

 

Flügge

Du warst so neugierig, so wach und quirlig,
als ich dich sah zum allerersten Mal.
Wie hatte ich mich gefreut auf diesen Augenblick
An jenem lichten Tag im Wonnemonat Mai.

Man legte dich auf meinen nackten Körper,
und du suchtest gleich Trost an meiner Brust.
Ich hatte großes Mitleid mit den Vätern;
denn dich zu stillen, das war pure Lust!

Unsere Bindung brauchte keine Sprache:
Sie nährte sich von Zärtlichkeit und Nähe.
Später half sie mir viele, viele Male,
dir zu verzeihen, was ich nicht verstehe.

Das Abnabeln kam früh und war schmerzhaft,
als du dich mit zwölf unsterblich verliebtest.
Zu Hause fühltest du dich wie in Haft,
konntest nicht mehr zeigen, wie sehr du uns liebtest.

Heute schaue ich stolz auf meinen Schmetterling,
bisweilen fern und fremd, und doch mein Kind:
eine junge Frau anmutig und autark,
lebenshungrig, geistig wach und willensstark.

Mein Spatz, ich wünscht', ich könnt' die Zeit anhalten!
Ich würde dich so gerne noch kurz im Nest behalten!
Doch ich weiß: Es ist Zeit, dass du ins Weite fliegst.
Ich weine und freue mich, dass du schon flügge bist!

Gena Alcorta-Fleischmann, Mai 2012

 

In Frieden

Fast am Ende des Weges danke ich dir, Leben!
Denn stets hast du meine Hoffnungen erfüllt,
niemals hast du mir zu Schweres aufgegeben,
niemals mich ohne Grund in Schmerz gehüllt.

Ich war der Schmied meines eigenen Schicksals,
der beharrliche Wanderer auf dem steinigen Weg.
Und habe ich mal Süßes, mal Bitteres geerntet,
so nur weil ich mal Süßes, mal Bitteres gesät.
Ich erntete stets Rosen, wenn Rosen ich gesät.


Auf meinen Frühling folgt unweigerlich mein Winter.
Doch du hast nie versprochen, dass Frühling ewig wär‘!

Wie oft fand ich des nachts nicht in den Schlaf vor Kummer,
doch du hast nie versprochen, dass Frohsinn ewig wär‘
und schenktest mir zuweilen einen ruhigen Schlummer.

Geliebt wurd‘ ich und liebte, war von Sonne umgeben.
Mir schuldest du nichts, Leben! Ich kann in Frieden gehen.

Deutsche Übersetzung des Gedichts "En paz" von Amado Nervo, Mexiko (1870-1919)

 

Die Stunde

Nimm mich! Jetzt! In den frühen Stunden,

solang frische Dahlien meine Hände schmücken.

Nimm mich! Jetzt! Solang meine Haare

dunkel sind, so dunkel wie meine Gedanken.

Jetzt! Da mein junges Fleisch ist duftig,

meine Haut noch samtig, ungetrübt mein Blick.

     

Jetzt! Da meine flinken Füße tragen

des grünen Frühlings blühende Sandalen.

Jetzt! Da das Lachen auf meinen Lippen klingt,

wie eine kleine Glocke, die schnell und fröhlich schwingt.

 

Später… Oh Liebster, dessen bin ich sicher,

wird all dieser Anmut vergehen – für immer!

 

Vergeblich wird dann dein Begehren sein,

einem Blumenkranz gleich - auf kaltem Stein.

 

Nimm mich! Jetzt! In den frühen Stunden,

solang Tuberosen meine Hände schmücken!

 

Nimm mich jetzt! Nicht erst in den Abendstunden,

wenn die Blumenkrone ist bereits verschwunden.

 

Heute! Nicht morgen, wenn die Kletterpflanze

eine starre, trübe Zypresse sich wandelt.

 

Deutsche Übersetzung des Gedichts "La hora" von Juana de Ibarbourou aus dem Gedichtband „Diamantene Zungen“ (1919)


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